99,9% der Unternehmen kennen 90% ihrer CO2-Emissionen nicht

Stell dir vor, du zahlst tausende Euros für eine Analyse deiner Scope 1 & 2 Emissionen, verbringst Monate mit der Datensammlung und ergreifst ehrgeizige Reduktionsmaßnahmen - gibst dir also große Mühe, dein Business nachhaltiger & klimafreundlicher zu gestalten - aber dann erfährst du, das Ganze deckt nur einen Bruchteil der eigentlichen Auswirkungen deines Businesses auf die Umwelt ab. Wieso? Weil Scope 3 Emissionen bei den meisten Unternehmen den absoluten Großteil der Gesamtemissionen ausmachen.


Wenn du dich jetzt fragst, was da schief läuft, dann ist dieser Artikel interessant für dich. Hier geht es nämlich darum:


⁉️ Was genau Scope 3 Emissionen sind

⁉️ Wieso diese so häufig vernachlässigt werden

⁉️ Warum die Produktperspektive so relevant ist

⁉️ und was du tun kannst, auch wenn du kein Multi-Million-Dollar-Unternehmen bist.


Bei den meisten Unternehmen sind Scope 3 Emissionen für 75 bis 99 % der Gesamtemissionen verantwortlich. Gleichzeitig fokussieren sich die meisten Unternehmen hauptsächlich auf die Analyse der Scope 1 und 2 Emissionen. Viel Mühe für wenig Wirkung?


Was für Scopes eigentlich?


Kurzer Recap: Nach dem Greenhouse Gas Protocol (ein internationaler Standard für das Accounting von Treibhausgasemissionen) werden von Unternehmen verursachte GHG-Emissionen in drei Scopes unterteilt. Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus unternehmenseigenen Quellen, Scope 2 Emissionen sind die, die durch Elektrizität verursacht werden, und Scope 3 umfasst alle indirekten vor- und nachgelagerten Emissionen. Also in der Regel das, womit Handelsunternehmen ihr Geld verdienen - die Herstellung oder Vermarktung von Produkten. Wenn du mehr darüber wissen willst, schau mal in diesen Blogartikel rein.


Warum ist es denn so schwierig mit Scope 3?


Die Gründe, wegen derer der Großteil des Unternehmens-Fußabdrucks von vielen Unternehmen gar nicht erfasst wird, lassen sich auf vier Hauptprobleme herunterbrechen: Die Frage der Verantwortlichkeit, die Komplexität der Scope 3 Emissionen, das Fehlen von verbindlichen und einheitlichen Standards und die Schwierigkeit der Kommunikation.


👉 Problem 1: Verantwortlichkeit

Das erste Problem mit Scope 3 Emissionen liegt auf der Hand: Die Emissionen, die für das eine Unternehmen zu Scope 3 zählen, sind die Scope 1 Emissionen eines anderen Unternehmens, zum Beispiel in der Lieferkette. Da ist es natürlich leicht, die Verantwortlichkeit darüber abzuschieben - aber wenn sich niemand verantwortlich fühlt, werden diese vernachlässigt und nicht in Reduktionsmaßnahmen einbezogen. Dabei ist es wichtig, dort anzusetzen, wo auch der Großteil der Emissionen anfällt und die Geschäftspartner:innen idealerweise gleich mit in die Verantwortung zu nehmen. Produkt CO2-Fußabdrücke können Licht ins Dunkel bringen - um diese zu berechnen, muss man aber in die Materialbeschaffung und Produktion schauen, da hier die meisten Emissionen verursacht werden.

Zusätzlich liegen Scope 3 Emissionen häufig außerhalb der Unternehmenskontrolle, da sie die vor- und nachgelagerten Prozesse umfassen und somit in der Lieferkette oder bei den Endkonsument:innen anfallen.


👉 Problem 2: Komplexität

Scope 3 Emissionen sind breit gefächert und variieren stark je nach Unternehmensart. Dadurch sind sie der komplexeste Teil des Corporate Carbon Footprints (CCF) und am aufwändigsten zu erfassen. Häufig sind Scope 3 Assessments mit viel manuellem Aufwand verbunden, was die Datensammlung und -eingabe angeht (edie, 2020).


👉 Problem 3: Verbindliche Standards

Letztendlich fehlen national oder international einheitliche und verbindliche Standards, wie Unternehmen ihre Scope 3 Emissionen erfassen und messen können. Das GHG-Protokoll stellt einen guten Ausgangspunkt dar, allerdings ist es nur begrenzt verständlich und daher besonders für SMEs schwer umzusetzen. Die oben beschriebene Komplexität erfordert aber genau solche Leitlinien, um unkompliziert Scope 3 Emissionen tracken zu können. Denn nur wenn diese erfasst werden, können auch effektive Reduktionsmaßnahmen im ersten Schritt- und Ausgleichsmaßnahmen im zweiten Schritt durchgesetzt werden. Es gibt bereits einige Leitlinien, vom GHG Protocol, ISO Standards oder auf EU Ebene, diese sind aber so kompliziert, dass es vor allem für kleine und mittlere Unternehmen kaum möglich ist, diese zu befolgen.


👉 Problem 4: Kommunikation

Die Analyse der Scope 3 Emissionen ist komplex, hinzu kommt aber, dass die Kommunikation auch schwierig ist. Aber hey, genau deshalb helfen dir Product Carbon Footprints weiter - sie decken die meisten deiner Scope 3 Emissionen ab (check!) und geben dir gleichzeitig wertvolle Metriken, um die CO2-Emissionen auf Produkt- und auf Portfolio-Ebene zu verstehen und an deine Kund:innen zu kommunizieren.


Ein paar Zahlen und Fakten


Aufgrund der oben beschriebenen Probleme sind Scope 3 Emissionen für SMEs schwieriger zu accounten, aufgrund von begrenzten Ressourcen und Knowledge. Daher lohnt sich ein Blick darauf, wie die größeren Firmen ihre Scope 3 Emissionen angehen. Im Corporate Climate Responsibility Monitor wird ein Überblick über die Scope 3 Emissionen von 25 großen Unternehmen gegeben und ihre Nachhaltigkeitsversprechen untersucht. Die Gesamtemissionen dieser 25 Unternehmen - darunter Amazon, Apple, BMW, Google und IKEA - machen insgesamt etwa 5% der globalen Treibhausgasemissionen aus. Und durchschnittlich 87% davon sind Scope 3 Emissionen.


Bei Carrefour - einem der weltweit größten Retailer - machen Scope 3 Emissionen 98% der Gesamtemissionen aus. Die Hauptquelle der GHG-Emissionen liegt in der Lieferkette der Produkte (= Upstream Scope 3 Emissionen), und damit außerhalb der Unternehmenskontrolle. Zusätzlich verspricht Carrefour bis 2040 “klimaneutral” zu sein - schließt dabei aber nur Scope 1 und 2 Emissionen mit ein - die weniger als 2% ausmachen.


Ähnlich sieht es auch bei den anderen untersuchten Unternehmen aus. Apple behauptet auf der Website, dass bis 2030 “jedes verkaufte Apple Gerät keinerlei Auswirkungen auf das Klima haben wird”. Diese Klimaneutralität soll durch Reduktions- und Ausgleichsmaßnahmen erreicht werden. Aber auch bei Apple machen die up- und downstream Scope 3 Emissionen - also der Einkauf von Gütern für die Produktherstellung und die Nutzung der Geräte - den Großteil (etwa 96%) der Gesamtemissionen aus. Und bei der Untersuchung im Rahmen des Corporate Climate Responsibility Monitors kommt heraus, dass die CO2-Neutralitätsbehauptung nur etwa 1,5% des gesamten Unternehmens-CO2-Fußabdruck im Jahr 2020 abdeckt.


Bei Amazon (Scope 3 = 76%), BMW (Scope 3 = 97%), IKEA (Scope 3 = 99%) und allen weiteren Unternehmen sieht es ähnlich aus. Klimaneutralitätsversprechen und Reduktionsmaßnahmen, die Scope 3 Emissionen nicht oder nicht ausreichend mit abdecken und teilweise CO2-Offsetting dem es an Transparenz fehlt.


Dabei bieten Scope 3 Emissionen als Hauptquelle für Unternehmensemissionen auch das größte Potential für effektive Reduktionsmaßnahmen und einen echten Impact für das Klima. Wissenschaftler:innen sind sich einig: Es braucht dringend wissenschaftsbasierte Ziele und Leitlinien für Unternehmen, da Scope 3 Emissionen wahnsinnig klimarelevant sind und auch die Kund:innen dies zunehmend fordern (CNBC).


Unsere Tipps & Tricks für dich und deine Scope 3 Emissionen


12€ pro Tonne CO2 bezahlen und dann mit Klimaneutralität werben? Lieber nicht! Denn hieran sind gleich zwei Dinge nicht empfehlenswert: Vermeide Wörter wie klimaneutral - dies suggeriert, dass deine Produkte oder Unternehmensaktivität keine Auswirkungen auf die Umwelt haben - etwas, das fast unerreichbar ist. Vor allem, wenn du nur einen Bruchteil deiner Emissionen abdeckst und CO2-Kompensation über Billigprojekte im globalen Süden stattfindet.


Absolutes NO-GO: Klimaneutralität versprechen, ohne Scope 3 einzubeziehen

Wenn du dich jetzt fragst, wie du deine Scope 3 Emissionen tackeln sollst, wenn schon die Großen es nicht anständig hinbekommen? Hier kommen unsere Tipps für dich, wie du Greenwashing vermeidest und wirksamen Klimaschutz mit deinem Business erreichen kannst:


👍 Kommuniziere ehrlich und transparent und mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst.


👍 Beziehe deine Produkte in Accounting- und Reduktionsmaßnahmen mit ein. Hier liegt der größte Hebel für echten Klimaschutz.


👍 Achte bei einem CO2-Ausgleich darauf, dass die Klimaschutzprojekte vertrauenswürdig sind und den “Oxford Principles for Net Zero Aligned Carbon Offsetting” entsprechen.


Behalte immer im Hinterkopf, dass du nicht von Anfang an alles perfekt machen musst. Es geht darum, jetzt loszulegen und da anzusetzen, wo es wirklich sinnvoll ist. Die Zeit der leeren Versprechungen und teuren CO2-Bilanzen sollte nun wirklich vorbei sein. Jetzt ist Kreativität gefragt, um smarte Ideen und Ansätze für wirksamen Klimaschutz zu entwickeln und Hotspots zu identifizieren. Dabei sollte Transparenz ganz oben stehen, sowohl über Resultate, als auch über Probleme und Schwierigkeiten.