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"Die Hälfte des Waldes auf Borneo ist verschwunden, unsere Arbeit ist so essentiell wie noch nie”

Aktualisiert: Juni 22

Interview mit Johannes Schwegler, Gründer von Fairventures Worldwide

Der Regenwald von Borneo beheimatet Orang-Utans, Elefanten und Wildkatzen. Doch dieses einzigartige Ökosystem ist in Gefahr. Die illegale Abholzung des Urwaldes und die Ausweitung von Palmölplantagen bedroht die Lebensgrundlage der Menschen und Tiere vor Ort und trägt zu einer Verschärfung des Klimawandels bei.


Hier arbeitet unsere Partnerorganisation Fairventures Worldwide mit jeder Menge Herzblut daran, Brachland wieder aufzuforsten. Dabei steht vor allem die Arbeit mit der lokalen Bevölkerung im Fokus. Johannes Schwegler, Gründer und Geschäftsführer von Fairventures hat sich im Interview unseren Fragen gestellt und gibt einen Einblick in ihre beeindruckende Arbeit auf Borneo.


Das Interview mit Johannes Schwegler


Yook: Hallo Johannes, schön, dass du dir Zeit nimmst unsere Fragen zu beantworten. Erzähl doch mal: Wer seid ihr & was ist eure Mission?

Johannes: Wir sind eine gemeinnützige Organisation aus Stuttgart und verbinden Forstwirtschaft und moderne Technologien zur Wiederaufforstung von degradierten Flächen in den Tropen. In Zusammenarbeit mit Kleinbäuer*innen in Indonesien und Uganda entstehen dabei nachhaltige Agroforstsysteme, die mit heimischen Baumarten Nutzholz und Nahrungsmitteln produzieren. Diese ermöglichen den Menschen vor Ort ein gesichertes Einkommen, tragen zum Erhalt der Artenvielfalt bei und wirken dem Klimawandel entgegen.

Johannes Schwegler, Gründer von Fairventures Worldwide

Yook: Es gibt bestimmt eine Geschichte hinter der Gründung von Fairventures - woher kam der Anstoß dazu?


Johannes: Ich habe früher selbst für 5 Jahre auf Borneo gelebt und war dort Lehrer und Berater der Holzfachschule in Mandomai. So entstanden viele Freundschaften vor Ort. Meine tiefe Verbundenheit mit Borneo und der einheimischen Dayak Bevölkerung war der Ursprung der Zusammenarbeit.

Die Hälfte des Waldes auf Borneo ist verschwunden, daher ist unsere Arbeit so essentiell wie noch nie. Es brauchte ganz dringend gute Konzepte, um der Entwaldung entgegenzuwirken und so haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht.


Yook: Die Entwaldungsraten sind wirklich gruselig. Wie sieht eure Arbeit denn genau aus?


"Wenn die Kleinbäuer*innen vor Ort die Möglichkeit haben mit Forstwirtschaft ihre Familien zu versorgen, müssen sie ihr Land nicht an Großkonzerne verkaufen"

Johannes: Das Besondere an unserer Arbeitsweise ist, dass wir uns in erster Linie an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren. Wenn die Kleinbäuer*innen vor Ort die Möglichkeit haben mit nachhaltiger Forstwirtschaft ihre Familien zu versorgen, müssen sie ihr Land nicht an Großkonzerne verkaufen, die dann beispielsweise Palmölplantagen anlegen. Außerdem stellen wir fest, dass Menschen, die ihre eigenen Bäume pflanzen, keinen Bedarf mehr haben den bestehenden Regenwald zu roden. Im Gegenteil: Mit ihren Feldern errichten sie wichtige Pufferzonen, um die natürlichen Wälder herum. Darüber hinaus beschränken wir uns in unseren Tätigkeiten nicht nur auf die Aufforstung, sondern möchten durch nachhaltige Wertschöpfungsketten dazu beitragen Stück für Stück graue, emissionsintensive Baustoffe (zum Beispiel Beton) zu ersetzen.


Yook: Warum fokussiert sich Fairventures auf Projekte auf Borneo und in Uganda?


Johannes: In den Tropen ist das Klima ganzjährig feuchtwarm, dadurch können die Bäume durchgängig wachsen und ziehen schneller mehr CO2 aus der Atmosphäre. Darüber hinaus gibt es in beiden Ländern ein großes Interesse der Bevölkerung und der Regierungen an einer ökologischen Aufforstung mit ökonomischen Anreizen. Dies spiegelt sich in der großen Unterstützung wieder, die wir vor Ort erfahren.


Yook: Ihr setzt auf nachhaltige Forstwirtschaft. Einige Kritiker*innen bemängeln, dass damit CO2 nicht wirklich gebunden wird, da es durch den Abschlag, der Nutzung und letztendlich der Entsorgung des Holzes wieder freigesetzt wird. Was erwiderst du darauf?


Johannes: Die Aufforstungen bergen ein gewisses Risiko, welches wir einkalkulieren müssen. Da stimme ich den Kritiker*innen zu. Allerdings sollten wir die Aufforstungen mit dem Holz-Bausektor verknüpfen, dann haben wir einen signifikanten, dreifachen Klima-Effekt! Wir lagern Kohlenstoff im Wald ein, nach der Ernte wird das Holz zur Hälfte als Baumaterial verwendet und das Kohlenstoffdioxid langfristig gebunden. Holz als Baumaterial ersetzt Stahl und Beton, welches besonders emissionsintensives Baumaterial ist. Es gibt eine neue Studie von Prof. Schellnhuber zum Thema, die ich den Kritiker*innen als Lektüre empfehle.

Yook: Wie ermöglicht ihr Transparenz bei den Projekten?

Johannes: Wir verwenden digitale Tools um jeden einzelnen Baum zu messen und auf einer digitalen Karte darzustellen, die öffentlich zugänglich ist (fairventures.org/webmap). So kann jeder sehen wo die Felder sind, auf denen die Bäume gepflanzt werden und das Wachstum der Bäume nachverfolgen. Derzeit arbeiten wir an der App "Treeo", damit die Kleinbäuer*innen in Zukunft selbst das Monitoring vornehmen können. Diese App werden wir auch anderen Organisationen zur Verfügung stellen.


Yook: Was sind deiner Meinung nach die zentralen Herausforderungen in den kommenden Jahren?


Johannes: Kürzlich standen einige Aufforstungsprojekte in der Kritik. Wir sind in der Pflicht besser unsere Wirkung nachzuweisen. Sprich, wir müssen in zuverlässige Datenerhebungen und Auswertungen investieren. Dazu gehört, die Daten, wie beispielsweise die Überlebensrate der Pflanzungen, offen zu kommunizieren. Wir kalkulieren diese Kosten bei Baumpflanzen ein und können somit sicherstellen, dass aus jeder bezahlten Baumpflanzung auch tatsächlich ein ausgewachsener Baum entsteht. Deshalb sind wir auch der Überzeugung, dass jeder einzelne Baum gemessen werden sollte, damit wir einen guten Nachweis haben.


Yook: Was sind eure nächsten Ziele?


Johannes: Transparenz stand bei uns schon immer ganz weit oben, hier wollen wir jetzt noch weiter gehen. Daher investieren wir momentan sehr stark in die Datenerhebung in Bezug auf die CO2-Bindung - und zwar von Baumpflanzung bis zur Baumnutzung. Gerade diese letzten Schritte, also die Holznutzung, sind sehr relevant um die langfristige CO2-Speicherung besser ermitteln, nachverfolgen und gewährleisten zu können. Im Moment investieren wir in die Life-Cycle-Methodologie. Wir erheben Daten entlang des ganzen Lebenszyklus des Produkts und der Lieferkette.


Yook: Was ist dein Traum für die Zukunft von Fairventures?


Johannes: Mein Traum ist ein System zu bauen, wo jede*r Einzelne hier in Deutschland den eigenen CO2-Fußabdruck in Kooperation mit einer Kleinbäuer*in in den Tropen kompensieren kann. Jede*r hat die eigene Aufforstung auf dem Handy und kann beobachten wie ihre oder seine Bäume wachsen.


Mehr Informationen über Fairventures findet ihr hier: fairventures.org